Stadtschwärmer Leipzig
Wer keinen Insider kennt, schnappt sich dieses Buch und wird an die liebsten Orte von waschechten... Weiterlesen
KI ist längst aus dem Labor in die Wohnzimmer eingezogen. Sprachassistenten beantworten Fragen, Übersetzungshilfen schließen Sprachlücken, Chatbots erledigen Aufgaben, die noch vor ein paar Jahren Menschen vorbehalten waren.
Leipzig ist dabei Doppelzüngler: Hier ist eines der bedeutendesten deutschen Forschungszentren für KI, und hier leben die Nutzer, deren Alltag sich durch diese Technologie wandelt.
Leipzig als KI-Forschungsstandort
Leipzig hat mit dem Data Science Center ScaDS.AI Leipzig auch einen Teil des nationalen Kompetenzzentrums ScaDS.AI Dresden/Leipzig. Es ist eines von fünf KI-Zentren, die seit 2019 im Rahmen der KI-Strategie des Bundes durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung und durch den Freistaat Sachsen gefördert werden (Quelle: Universität Leipzig). Die Förderung wurde im Juli 2022 verstetigt, das Zentrum also dauerhaft eingerichtet. Das Team besteht laut Wirtschaftsförderung Sachsen aus über 200 Mitarbeitern, mehr als 60 Hauptforschern, zwei Humboldt-Professuren und bis zu zwölf geplanten KI-Professuren. Neben der Grundlagenforschung zum maschinellen Lernen beschäftigt sich ein eigener Bereich, Responsible AI, mit den ethischen und gesellschaftlichen Folgen der Technologie. Genau die werden konkret, wenn KI in zwischenmenschliche Bereiche vordringt.
Vom Werkzeug zum Gegenüber
Die meisten Anwendungen von KI erledigen sachliche Arbeiten. Eine wachsende Kategorie geht weiter. Sogenannte Companion-Apps geben sich als Gesprächspartner, die sich an Interessen und Stimmungen anpassen. Dazu gehört auch die romantische KI, bei der Nutzer mit einem digitalen Avatar eine partnerschaftliche Beziehung aufbauen. Die Zahlen zeigen, dass dies kein Randphänomen ist. Eine Umfrage der Bitkom aus dem März 2026 ergab, dass knapp jeder Fünfte (18 Prozent) sich vorstellen kann, einen KI-Avatar zu nutzen. Männer (23 Prozent) tun dies deutlich häufiger als Frauen (13 Prozent).11 Prozent berichten von zeitweiser emotionaler Bindung zur KI. Die App Replika kommt nach Angaben des ORF allein im Google Play Store auf mehr als zehn Millionen Downloads.
Warum emotional Menschen auf KI reagieren
Die psychologische Erklärung ist weniger überraschend, als sie klingt. Forscher des MIT Media Lab fanden heraus, dass Menschen ungewollt emotionale Bindung zu Chatbots aufbauen. In einem Gespräch mit heise online beschreibt Doktorandin Constanze Albrecht, dass die emotionale Intelligenz dieser Systeme reiche, um auch reine Information Suchende zu fesseln. Selbst eine freundlich formulierte Antwort lasse das Bindungssystem des Menschen reagieren.
Damit verbunden sind Risiken, über die auch die Forschung diskutiert wird. OpenAI und das MIT untersuchten bei 1.000 Nutzern einen Zusammenhang zwischen intensiver Nutzung eines Chatbots, vermehrtem Einsamkeitsgefühl und nachlassender sozialer Interaktion mit realen Menschen. Die zentrale Erfolgskennzahl der Branche ist die Verweildauer, die Zeit, die Nutzer mit Quatschen verbringen. Das fördert die Bindung.
Einordnung für den Alltag
Für Nutzer in Leipzig und anderswo hilft ein nüchterner Blick. KI-Begleiter können Gesprächsbedarf stillen und Einsamkeit kurzfristig lindern. Aber sie hängen an Abo Modellen kommerzieller Anbieter und setzen die Preisgabe sensibler Daten voraus. Wer solche Anwendungen ausprobiert, sollte neben den Datenschutzbedingungen erst recht darauf achten, keine persönlichen Informationen preiszugeben und reale soziale Kontakte nicht durch sie ersetzen. Die Forschung in der eigenen Stadt liefert dafür die passende Begleitung, denn verantwortungsvolle KI heißt auch, ihre Wirkung auf den Menschen zu beobachten.