Die Zähne der Völkerschlacht

Warum Leipzig 1813 zum größten Rohstofflager der europäischen Zahnprothetik wurde

Als am 19. Oktober 1813 der Pulverdampf über Probstheida, Möckern und Liebertwolkwitz abzog, blieb ein Feld zurück, auf dem nach heutigen Schätzungen weit über 90.000 Menschen ihr Leben gelassen hatten. Was danach kam, ist bekannt: Lazarette in den Kirchen, Typhus in der Stadt, jahrelange Aufräumarbeiten. Weniger bekannt ist, dass sich zwischen den Toten Leute bewegten, die es nicht auf Stiefel, Gürtelschnallen oder Patronenhülsen abgesehen hatten. Sie suchten Zähne.

Warum ein toter Soldat wertvoller war als ein Stück Elfenbein

Um 1813 war der Zustand der europäischen Prothetik, freundlich gesagt, ausbaufähig. Wer sein Gebiss verloren hatte und Geld besaß, bekam eine Zahnprothese aus Elfenbein, aus Walross- oder Nilpferdbein, manchmal aus Rinderknochen.

Der Präsident der Pariser Société Royale de Médecine beschrieb seine eigene Walrossbein-Prothese in den 1790er-Jahren mit bemerkenswerter Offenheit. Sie habe ihm den Atem verpestet und jeder Speise einen Beigeschmack gegeben. Er habe sich deshalb aus der Gesellschaft zurückgezogen und die Zähne zum Essen wieder herausgenommen. Man trug also ein Gebiss, das man beim Abendessen in die Tasche steckte.

Echte menschliche Zähne dagegen sahen aus wie echte menschliche Zähne, sie rochen nach nichts und sie hielten. Sie waren schlicht das beste verfügbare Produkt.

Die Völkerschlacht löste dieses Problem auf einen Schlag.

Von Probstheida nach London

Der weitere Weg der Leipziger Zähne lässt sich in Umrissen rekonstruieren. Gefragt waren fast ausschließlich Schneide- und Eckzähne, weil Backenzähne mehrere Wurzeln haben und sich auf einem Feld im Oktober kaum sauber herausbrechen lassen.

Die Zähne wurden ausgekocht, sortiert, in Fässern und Kisten verpackt und nach Westen verschifft. Dort wurden sie zurechtgeschliffen und mit kleinen Metallstiften in ein Bett aus Elfenbein genietet. Ein Gebiss enthielt naturgemäß die Zähne mehrerer Menschen.

Berühmt wurde das Ganze unter dem Namen "Waterloo-Zähne", nach der Schlacht von 1815. Nur war Leipzig zwei Jahre früher dran und um ein Vielfaches größer. Waterloo hatte das bessere Marketing.

Menschliche Zähne wurden lange vor 1813 und noch lange danach gehandelt, und zwar keineswegs nur von Schlachtfeldern. Viele Museumsstücke, die heute als "Waterloo-Zähne" beschriftet sind, tragen dieses Etikett zu Unrecht. Wer tiefer einsteigen will: Die Zahnärztlichen Mitteilungen haben zum 200. Jahrestag der Völkerschlacht eine ausführliche Aufarbeitung des Zahnhandels veröffentlicht, inklusive Quellenangaben.

Zu besichtigen: eine halbe Stunde vor der Haustür

Original-Humanprothesen liegen unter anderem im Deutschen Historischen Museum in Berlin und im Militärhistorischen Museum in Dresden. Für Leipziger gibt es allerdings eine deutlich nähere Adresse, und sie ist ein echter Geheimtipp.

In Zschadraß bei Colditz, also im Landkreis Leipzig, steht in einem gelben Backsteinhaus auf einem alten Klinikgelände das Dentalhistorische Museum. Es beherbergt die weltweit größte Sammlung zur Geschichte der Zahnheilkunde: Zangen, komplette Praxiseinrichtungen aus mehreren Jahrzehnten, Zahnanomalien, Implantatsammlungen, dazu eine Fachbibliothek mit rund 260.000 Positionen, die 4.600 Jahre zurückreicht.

Und heute?

Eine moderne Prothese besteht aus Kunststoff und Keramik, sie wird digital vermessen und im Labor gefräst, und niemand muss dafür irgendwo eine Kinnlade aufbrechen. Beim festsitzenden Zahnersatz ist die Entwicklung noch weiter gegangen. Sogenannte schraubenlose Zahnimplantate arbeiten mit einer konischen Presspassung. Krone und Aufbau werden so präzise gefräst, dass sie unter leichtem Druck ineinandergreifen und halten, ganz ohne Schraube.

Nanometergenaue Fräsungen also, wo vor 213 Jahren ausgekochte Fremdzähne mit Stiften in Elfenbein genietet wurden. Der Leipziger Fledderer von 1813 wäre arbeitslos, und das ist eine der wenigen Formen von Arbeitslosigkeit, über die sich niemand beklagen wird.

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