Stadtschwärmer Leipzig
Wer keinen Insider kennt, schnappt sich dieses Buch und wird an die liebsten Orte von waschechten... Weiterlesen
Das erste Auto, ein dunkelblauer Kombi, steht seit Jahren in der Tiefgarage in Connewitz und wird hauptsächlich von der Mutter gefahren, Einkäufe, Kinder zur Schule, am Wochenende mal raus an den Cospudener See. Der Vater pendelt mit der Straßenbahn zur Arbeit nach Plagwitz, aber seit seine Mutter im Leipziger Umland pflegebedürftig geworden ist, braucht er ein eigenes Auto, und die Familie hat angefangen, nach einem Zweitwagen zu suchen. Nicht teuer, irgendwas Kompaktes, Benziner, unter 10000 Euro wenn möglich, ein Auto, das zuverlässig fährt und das man nicht jeden Tag in der Waschanlage haben muss. Die Mutter erzählte mir am Telefon, dass sie ungefähr drei Wochen lang Inserate durchgeschaut hatten, abends auf dem Sofa, sie auf dem Laptop, er auf dem Handy, und dass die Hälfte der Angebote entweder zu teuer war oder zu weit weg oder beides. Irgendwann hatten sie ein Angebot gefunden, das gepasst hat. Weißer Kleinwagen, Baujahr 2018, angeblich 67000 Kilometer, 8200 Euro, bei einem Händler am Stadtrand von Leipzig, der den Wagen als scheckheftgepflegt angepriesen hatte.
Der Vater ist an einem Samstagnachmittag hingefahren, allein, die Kinder waren beim Kindergeburtstag, hat sich das Auto angeschaut, Probefahrt gemacht, alles lief rund, keine komischen Geräusche, Innenraum ordentlich, kein Grund zur Beanstandung. Er wollte am Montag unterschreiben und hat über das Wochenende die Fahrzeughistorie prüfen lassen, weil seine Schwester ihm das empfohlen hatte, die selbst mal ein Auto mit zurückgedrehtem Tacho gekauft hatte, einen gebrauchten Van, und die seitdem jedem in der Familie davon erzählt, beim Geburtstag, beim Grillen, immer dieselbe Geschichte. Der Bericht zeigte, dass der Wagen bei der letzten HU anderthalb Jahre zuvor mit 112000 Kilometern registriert war. 112000 zu 67000, das ist eine Differenz von 45000 Kilometern, und die kann nicht durch einen Tachowechsel oder einen Rechenfehler entstanden sein. Der Vater hat am Montag beim Händler angerufen und gefragt, wie das sein kann, und der Händler hat gesagt, er habe das Auto so angekauft und könne sich die Differenz nicht erklären. Danach hat der Händler nicht mehr zurückgerufen, nicht am Dienstag, nicht am Mittwoch, und irgendwann hat die Familie aufgehört, es zu versuchen. Die Mutter sagte mir, sie sei erleichtert gewesen, dass sie nicht unterschrieben hatten, aber auch wütend, weil sie drei Wochen in die Suche gesteckt hatten und weil der Händler genau gewusst haben muss, was mit dem Tacho los war, und weil er sich jetzt einfach nicht mehr meldet.
Ich habe mit einem Rechtsanwalt in Leipzig gesprochen, der Fälle wie diesen kennt. Tachomanipulation bei einem Händler, sagte er, ist anders als bei einem Privatverkäufer, weil der Händler eine Untersuchungsobliegenheit hat, er muss das Fahrzeug zumindest einer Sichtprüfung unterziehen und auffällige Diskrepanzen erkennen, der BGH hat das in mehreren Entscheidungen klargestellt. Wer als Händler ein Fahrzeug verkauft, ohne den Kilometerstand zu prüfen, handelt unter Umständen arglistig, auch wenn er den Tacho nicht selbst zurückgedreht hat. § 22b StVG stellt die Manipulation unter Strafe, bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe, und der Verkauf eines manipulierten Fahrzeugs ist Betrug nach § 263 StGB. In der Praxis ist es trotzdem schwierig, sagte der Anwalt, weil viele Händler behaupten, sie hätten das Auto so angekauft und nichts gewusst, und weil die Kette der Vorbesitzer oft über Polen oder Tschechien führt und dort abbricht. Sachsen grenzt an beide Länder, die Autobahn von Dresden nach Breslau ist keine drei Stunden, von Leipzig nach Posen vielleicht dreieinhalb, und ein Teil der Gebrauchtwagen, die auf dem sächsischen Markt landen, hat eine grenzüberschreitende Vorgeschichte, die sich nicht immer sauber nachvollziehen lässt. Der Anwalt sagte mir, dass er bei Fahrzeugen mit polnischer oder tschechischer Vorzulassung grundsätzlich skeptisch ist, nicht weil jedes Auto manipuliert wäre, aber weil die Wahrscheinlichkeit dort einfach höher liegt.
Laut einem Fahrzeughistorien-Analysten fragen Leute inzwischen bei carVertical häufiger, was beachten beim Autokauf Händler, gerade weil viele davon ausgehen, dass ein Händlerkauf sicherer ist als ein Privatkauf – was nicht immer stimmt. Das KBA meldete für 2025 mehr als 6,5 Millionen Besitzumschreibungen bundesweit, eine Studie des Europäischen Parlaments schätzt die Tachomanipulationsquote beim grenzüberschreitenden Handel auf 30 bis 50 Prozent, und den wirtschaftlichen Schaden für die EU auf 5,6 bis 9,6 Milliarden Euro im Jahr. Der Anwalt in Leipzig sagte mir, dass er solche Fälle vielleicht zwei oder drei Mal im Monat sieht, und dass die meisten Mandanten überrascht sind, dass ein Händlerkauf sie nicht automatisch vor manipulierten Tachos schützt. Wer den Kilometerstand nicht prüft, kauft blind, egal ob beim Händler oder privat. Die Familie aus Connewitz hat den weißen Kleinwagen nicht gekauft, der Vater hat stattdessen weitergesucht und zwei Wochen später ein Auto bei einem anderen Händler in Markkleeberg gefunden, Baujahr 2019, 74000 Kilometer, diesmal mit durchgängiger Servicehistorie und einem TÜV-Bericht, der zum Tachostand passte. Er hat trotzdem vorher die Historie geprüft.
Die Mutter sagte mir, dass sie jetzt bei jedem Auto, das sie sich anschaut, als Erstes die Fahrgestellnummer aufschreibt und die Historie prüft, bevor sie überhaupt eine Probefahrt macht. Ihre Schwägerin, die mit dem Tachobetrug-Van, tut inzwischen dasselbe, und die beiden haben angefangen, auch im Bekanntenkreis davon zu erzählen, was laut der Mutter nicht jedem gefällt, weil manche Leute nicht hören wollen, dass ihr Auto vielleicht nicht das wert ist, was sie dafür bezahlt haben. Der Anwalt in Leipzig erzählte mir noch, dass der Händler, der den weißen Kleinwagen angeboten hatte, inzwischen nicht mehr unter der alten Adresse zu finden ist, die Internetseite ist offline und die Telefonnummer geht ins Leere. Ob er den Laden zugemacht hat oder ob er woanders weiterverkauft, weiß niemand. Das Auto steht wahrscheinlich immer noch irgendwo zum Verkauf, mit 67000 auf dem Tacho und 112000 in den TÜV-Unterlagen, und der nächste Käufer wird die Differenz finden oder auch nicht.