Zwischen Bar, Karte und Smartphone: Brauchen wir überhaupt noch Bargeld?

Deutschland gilt seit Jahrzehnten als Bargeldland. Während bargeldlose Zahlungsmittel in anderen Ländern frühzeitig und umfassend Einzug hielten, hielt man hierzulande lange am Schein und an der Münze fest – aus Gewohnheit, aus Überzeugung, oft auch aus einem sehr praktischen Gefühl von Kontrolle. Bargeld war nie nur Zahlungsmittel, sondern Teil des Alltags, und ist es bis heute.

Gleichzeitig hat sich das Bezahlen seit Beginn dieses Jahrzehnts sichtbar verändert. Nicht abrupt, aber für

„deutsche Verhältnisse" ziemlich spürbar. Wer heute durch Leipzig geht, erlebt daher eine Stadt, in der Bargeld, Karte und Smartphone ganz selbstverständlich nebeneinander existieren, wo aber gleichzeitig nur noch an wenigen Stellen Bares wirklich unverzichtbar ist.

Die Frage lautet daher weniger, ob Bargeld verschwindet, sondern eher, wie sich unser Zahlungsverhalten verändert hat – und warum gibt es keinen Weg zurück zu alten Mustern?

Bargeld – Deutschlands kulturelle Konstante

Die starke Bindung vieler Deutscher an Bargeld ist kein Zufall. Bares steht für Eigenschaften, die auch in einer digitalen Gesellschaft weiterhin geschätzt werden:

  • Direkte Ausgabenkontrolle
    Physisches Geld ermöglicht unmittelbare Kontrolle über Ausgaben
  • Hohe Privatsphäre
    Keine digitalen Spuren bei Transaktionen
  • Unabhängigkeit von Technik
    Funktioniert ohne Infrastruktur und Strom
  • Verlässlichkeit
    Sicher in Ausnahmesituationen

Bargeld funktioniert immer, überall und ohne Voraussetzungen. Gerade deshalb spielt es auch heute noch eine zentrale Rolle im Alltag – nicht trotz, sondern neben digitalen Alternativen.

Speziell bei „den Deutschen" im Allgemeinen und Menschen aus dem Osten, die noch die DDR erlebten, kommt außerdem noch eine gewisse soziokulturelle Prägung hinzu. Deutschland hat allein im 20. Jahrhundert mehrere massive Geldentwertungen und neue Währungen erlebt. Das macht – bewusst oder unbewusst – skeptisch gegenüber finanziellen Neuerungen.

Zumal in Deutschland der Anpassungsdruck auch noch gering ist. Während in vielen Ländern streckenweise gar kein Bargeld mehr akzeptiert wird, können wir es uns weitestgehend aussuchen, wie wir bezahlen wollen.

Die Pandemie als Wendepunkt

Den größten denkbaren Impuls für Veränderung brachte die Pandemie. In kaum einem anderen Land brach die Bargeldnutzung so sehr ein wie hierzulande – bei der zuvor sehr hohen Bargeldrate allerdings auch verständlich.

So erlebte kontaktloses Bezahlen faktisch „über Nacht" einen Boom, der ohne Coronavirus mutmaßlich erheblich länger benötigt hätte.

Spannend wird es, wenn man das im Verlauf der Jahre vergleicht. Die Daten entstammen der EHI-Studie

Zahlungssysteme im Einzelhandel 2025" und der Bundesbank-Studiensammlung „Zahlungsverhalten in Deutschland", die regelmäßig neu erstellt wird.

Diese Werte betrachten den Bargeldanteil an allen Transaktionen über die Jahre:

  • 2017: 74 %
  • 2021: 58 %
  • 2023: 51%2024: 33,8 % (nur Einzelhandel)
  • 2025: 35 %

Die letzte Zahl stammt aus einer Pressemittelung von PWC. Sie sagt überdies aus, dass ganze 63 Prozent der Deutschen sich zumindest vorstellen könnten, ein Konto bei einem Tech-Unternehmen wie Google, Apple oder PayPal zu eröffnen.

Ist Bargeld hierzulande, wenn auch mit etwas Verspätung, dabei, denselben Weg in die faktische Unbedeutsamkeit zu gehen wie etwa in Skandinavien? Nein, keineswegs.

Weniger Barzahlungen ≠ Bedeutungsverlust

Betrachtet man die Zahlen aus dem zurückliegenden Kapitel, könnte man zu der Auffassung gelangen, dass Deutschland sich ziemlich zügig vom Bargeld verabschiedet.

Doch selbst wenn wenn die Pandemie und die nachfolgenden Jahre Bargeld in Deutschland deutlich zurückgedrängt haben, dürfte sich der Wert eher auf einem vergleichbaren Niveau stabilisieren – wenigstens für die kommenden Jahre. Dazu einige Aussagen aus einer Ende 2024 veröffentlichten Pressemitteilung der Europäischen Zentralbank:

Die Zahlen zeigen also weniger einen Abschied vom Bargeld, sondern eine Verlagerung von Nutzungssituationen – daran dürfte nicht zuletzt die Kontaktlosfunktion heutiger Karten eine Rolle spielen.

Doch trotz aller technischen Möglichkeiten halten viele Menschen weiterhin aktiv an Bargeld fest. Denn es erfüllt Funktionen, die digitale Systeme nur teilweise abbilden können. Es schafft Unabhängigkeit und Vertrauen – Werte, die gerade in unsicheren Zeiten an Bedeutung gewinnen. Entsprechend wird Bargeld weiterhin bewusst vorgehalten und genutzt.

Der neue Zahlungsalltag: Flexibel ja, dogmatisch nein

Was sich verändert hat, ist weniger die Wertschätzung für Bargeld als der Umgang mit Alternativen. Bezahlen ist heute stark situationsabhängig. Je nach Kontext greifen Menschen zu unterschiedlichen Mitteln:

Bargeld
für direkte, bewusste Ausgaben

Karten
für Schnelligkeit und Komfort

Smartphones
für spontane oder mobile Situationen

Online-Zahlungen
dort, wo Bargeld keine Option ist

Gerade in einer Stadt wie Leipzig zeigt sich dieser pragmatische Mix deutlich. Unterschiedliche Lebenssituationen verlangen unterschiedliche Lösungen – ohne dass eine davon grundsätzlich überlegen wäre.In diesem erweiterten Zahlungsalltag spielen auch Kreditkarten eine steigende Rolle, insbesondere als multifunktionales Werkzeug für Situationen, in denen Girokarten- und andere Zahlungsmittel als nicht adäquat angesehen werden. Insbesondere internationale Zahlungen, Online-Käufe, Reisen, Mietwagen oder Kautionen.

Interessant ist dabei auch, dass viele Nutzer angesichts einer eher seltenen Kreditkartenverwendung (im Vergleich zu beispielsweise den USA) hier sehr bewusst auf Kosten und Transparenz achten. Die kostenlose Kreditkarte im Vergleich zur klassischen Variante hat deshalb hier viele Anhänger – indem bei ihr keine Jahresgebühr anfällt, ist sie für viele das ideale „Reserve-Zahlungsmittel" für Situationen, in denen andere Mittel fehlen, nicht genutzt werden können – oder sollen.

Fazit: Bargeld geht nicht – aber es ist auch nicht mehr so allein

Könnte Bargeld aus unserem Alltag verschwinden?

Theoretisch ja, denn immer seltener ist es die einzige mögliche Zahlungsweise. Zudem haben sich viele Deutsche aller Altersgruppen an die Nutzung bargeldloser Alternativen gewöhnt.

Wird Bargeld aus unserem Alltag verschwinden?

Praktisch nein – zumindest nicht auf absehbare Zeit. Denn Bargeld bietet einige einzigartigen Stärken, die sich schlicht nicht reproduzieren lassen. Darunter nicht zuletzt die Option, jemandem ein Geschenk zu kaufen, ohne dass es in Kontoauszügen und Accounts auftaucht oder sonstige Datenspuren hinterlässt.

Bargeld mag vielleicht nicht so modern sein wie seine Alternativen. Auf dem Weg in die Versenkung ist es aber noch lange nicht – auch nicht in Leipzig zwischen High-Class-Hotel und Marktstand.

Bildquelle: Flux Kontext Fast

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