Deutschland will neue steuerbare Kraftwerksleistung aufbauen, um das Stromsystem auch in knappen Stunden abzusichern. Im Fokus stehen vor allem Gaskraftwerke. Mit fast 10.000 Biogasanlagen gibt es jedoch bereits eine dezentrale und resiliente Infrastruktur, die einen Teil dieser Aufgabe übernehmen kann. 2025 erzeugten Biomasseanlagen in Deutschland rund 47,8 Terawattstunden Strom; ihre installierte Leistung lag bei rund 9,7 Gigawatt. Welche Rolle dieses Potenzial künftig spielen kann, war eines der zentralen Themen beim Leipziger ZUKUNFTSFORUM BIOGAS 2026.
Energy2market (e2m) brachte dazu am 6. Oktober 2026 im Kunstkraftwerk Leipzig rund 150 Biogasanlagenbetreiber sowie Fachleute aus Energiewirtschaft, Wissenschaft und Recht zusammen. Diskutiert wurde unter anderem über flexible Fahrweisen, Anlagenoptimierung, kommunale Wärmeplanung, Co-Location und neue Erlösmodelle. Gerade für Anlagen, deren EEG-Förderung in den kommenden Jahren ausläuft, wird Flexibilität zur zentralen Erlösquelle.
„Biogas kann, was die Energiewende jetzt braucht: flexibel Strom liefern, wenn Wind und Sonne nicht ausreichen. Die Anlagen stehen dezentral im ganzen Land und sind über die Regelenergie längst Teil unserer kritischen Energieinfrastruktur. Sie stärken die Versorgungssicherheit, schaffen Wertschöpfung vor Ort und machen unsere Energieversorgung resilienter und unabhängiger. Dieses Potenzial müssen wir nutzen“, sagte Dr. Christof Petrick, Chief Development & Portfoliomanagement Officer bei Energy2market.
Gesicherte Leistung stärker mit Biogas denken
Ein Schwerpunkt war die Frage, wie Deutschland künftig gesicherte Leistung bereitstellen will, wenn Wind- und Solarenergie zeitweise nicht ausreichend Strom liefern. Mit dem Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz (StromVKG) hat der Bund dafür einen Ad-hoc-Kapazitätsmechanismus für die Ausschreibung zusätzlicher steuerbarer Leistung geschaffen. In den ersten Ausschreibungen stehen neue Erzeugungsanlagen im Mittelpunkt, die über längere Zeiträume Strom bereitstellen können; teure wasserstofffähige Gaskraftwerke sollen dafür insbesondere infrage kommen.
Ein Teil dieser Leistung könnte jedoch aus dem bestehenden Biogasanlagenpark kommen. Anders als Wind- und Solarenergie lässt sich die Stromproduktion aus Biogas zeitlich verschieben: Während im Fermenter kontinuierlich Biogas entsteht, kann das Gas gespeichert und erst dann in Blockheizkraftwerken verstromt werden, wenn der Strombedarf hoch und die Einspeisung aus Wind und Sonne niedrig ist. Stärker flexibilisierte Biogasanlagen können ihre Stromproduktion in Zeiten hoher Wind- und Solarstromerzeugung reduzieren oder aussetzen und ihre verfügbare Leistung gezielt für Stunden mit knappem Stromangebot vorhalten. Diese könnten so zusätzliche steuerbare Leistung erschließen, ohne dafür ausschließlich neue fossile Kraftwerkskapazitäten aufzubauen.
„Wir setzen uns seit Jahren dafür ein, dass Biogas im Energiesystem der Zukunft mitgedacht wird. Mit fast 10.000 Anlagen können unsere Höfe schon heute wertvolle Flexibilität bereitstellen und damit das Stromsystem unterstützen. Jetzt braucht es die richtigen gesetzlichen Rahmenbedingungen, damit dieses Potenzial vollständig genutzt werden kann“, sagte Thomas Karle, Präsident des Fachverbandes Biogas.
„Biogasanlagen wirken doppelt positiv. Sie reduzieren die Stunden, in denen Strom knapp ist, und sie sichern uns gegen hohe Gaspreise ab. Was das bedeuten kann, haben wir in der Gaskrise gesehen: Gestiegene Gaspreise in den Jahren 2022 bis 2025 haben in Deutschland einen volkswirtschaftlichen Schaden von 75 bis 235 Milliarden Euro verursacht“, so Nora Elhaus vom Lehrstuhl für Energieverfahrenstechnik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU).
