Ist es Ihnen schon einmal so ergangen? Sie haben die Ruhmeshalle des Völkerschlachtdenkmals Leipzig betreten – und direkt etwas gefühlt? Unbehagen vielleicht oder doch Faszination? Egal, was es war – es liegt nicht nur an der Höhe des kathedralhaften Kuppelbaus, sondern auch an den vier Monumentalfiguren. Sie sind eine von insgesamt sechs Figurengruppen des Völkerschlachtdenkmals, die von 1900 bis 1913 von den Bildhauern Christian Behrens und seinem Nachfolger Franz Metzner entworfen und umgesetzt wurden.
In der »Ruhmeshalle für das deutsche Volk« prominent platziert, sollten die 9,5 Meter hohen und 400 Tonnen schweren Riesen eine volkserzieherische Funktion erfüllen. Sinnbildhaft stehen sie für »die Eigenschaften des deutschen Volkes während der Befreiungskriege« (1813–1815), die als nationale Tugenden auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts Vorbild sein sollten. Die vier Kolosse entsprechen der »Volkskraft«, der »Opferfreudigkeit«, der »Tapferkeit« und der »Glaubensstärke«.
Im jahrelangen Umgang mit den Besuchenden hat die Stiftung Völkerschlachtdenkmal immer wieder festgestellt, dass diese die Monumentalfiguren kaum noch aus ihrem historischen Kontext heraus verstehen und sie oft auch miteinander verwechseln.
Ab sofort vermitteln daher vier Installationen in der Ruhmeshalle und kommentieren die Monumentalfiguren: Jede der Holzkonstruktionen stellt erkennbar einen Tisch dar. Denn wo verhandelt man (durchaus) kontroverse Themen, wo wird diskutiert, debattiert und gestritten? Häufig zu Tisch! Neben jeder der vier Skulpturen finden Gäste die ursprüngliche Beschreibung der jeweiligen Tugend aus der Erbauungszeit. Darüber hinaus haben sich vier profilierte Persönlichkeiten aus der Leipziger Stadtgesellschaft damit auseinandergesetzt, wie sich die Monumentalfiguren heute deuten lassen und welche Kraftquellen die Gesellschaft für die Zukunft benötigen. Ein ehemaliger Militärangehöriger spricht zur Tapferkeit, ein Theologe zur Glaubensstärke, eine Intensivkrankenschwester zur Opferfreudigkeit und eine mit Themen der Gleichstellung verbundene Politikerin zur Volkskraft-Figur. Ihre Kommentare zu den Tugenden sind als Videointerviewsequenzen vor Ort abrufbar.
»Wir habe die Installationen zunächst im Sinne der Entstehungszeit wiedererkennbar im Raum verortet und kommentiert, zugleich aber Anstöße gegeben, wie man heute unter völlig veränderten gesellschaftlichen Umständen damit umgehen kann. Wenn Menschen von heute mit offenen Augen durch das Denkmal gehen, etwas von ihrem Besuch mitnehmen und dann miteinander darüber diskutieren, was ihnen für unsere Gemeinschaft an Werten wichtig ist, dann hat die Installation ihren Zweck erfüllt. Sie ist sicher nur ein Anfang und nicht das letzte Wort zu all diesen Themen.«
ergänzt Tessina-Larissa Schramm, Communitymanagerin bei der Stiftung Völkerschlachtdenkmal.
