Mit langanhaltendem, begeistertem Applaus ist am Sonntagabend, 4. Oktober 2026, im Großen Saal des Gewandhauses das Jubiläumskonzert „SAGENHAFT“ des Konzertchores Leipzig zu Ende gegangen. Rund 700 Besucher erlebten einen außergewöhnlichen chorsinfonischen Abend anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Ensembles. Unter der Leitung des jungen Dirigenten Karl Joseph Eckel präsentierte der Chor gemeinsam mit Madrigio, der Staatskapelle Halle sowie den Solisten Taryn Knerr, Henriette Gödde, Christoph Pfaller und Anton Haupt Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy, Niels Wilhelm Gade, Johannes Brahms und Fanny Hensel.
Was auf dem Programmzettel wie eine Begegnung bedeutender Komponisten der Romantik erschien, entwickelte im Konzert eine bemerkenswerte innere Dramaturgie. Die vier Werke erzählten auf ganz unterschiedliche Weise von menschlicher Bedrängnis, Verführung und Vergänglichkeit, aber auch von Vertrauen, Trost und Hoffnung.
Von der menschlichen Bitte bis zur Hoffnung
Felix Mendelssohn Bartholdys „Hör mein Bitten“ eröffnete diese Gedankenwelt mit dem eindringlichen Flehen eines Menschen in Not. Die auf Psalm 55 beruhende Hymne führt von Angst und Bedrängnis zur Sehnsucht nach Schutz, Frieden und einem Ort der Ruhe. Der Konzertchor Leipzig ließ diese Entwicklung mit großer klanglicher Sensibilität lebendig werden.
Mit Niels Wilhelm Gades „Erlkönigs Tochter“ („Elverskud“) schlug die Stimmung anschließend ins Geheimnisvolle und Dramatische um. Das Werk nach alten dänischen Balladen erzählt vom jungen Oluf, der am Vorabend seiner Hochzeit in die verführerische Welt der Elfen gerät. Er widersteht Erlkönigs Tochter und bezahlt dafür mit seinem Leben. Der erwartete Hochzeitsmorgen wird zum Morgen des Todes.
Chor, Solisten und Orchester ließen diese sagenhafte Welt im Gewandhaus plastisch entstehen. Das Lockende und Schwebende der Elfenwelt, die düstere Vorahnung und schließlich die Tragik der Geschichte machten Gades selten zu hörendes Werk zu einem eindrucksvollen musikalischen Erlebnis.
Nach der Pause rückte Johannes Brahms mit seinem „Schicksalslied“ nach Friedrich Hölderlin eine der großen Fragen menschlicher Existenz in den Mittelpunkt. Der entrückten Ruhe der „seligen Genien“ steht darin das ruhelose und vergängliche Leben der Menschen gegenüber. Brahms lässt diesen Gegensatz jedoch nicht in völliger Hoffnungslosigkeit enden. Sein orchestrales Nachspiel öffnet einen Raum der Versöhnung und des Trostes.
Den großen Schlusspunkt setzte Fanny Hensels „Oratorium nach Bildern der Bibel“. Das 1831 entstandene Werk führt mit biblischen Texten durch Klage und Bedrängnis hin zu Vertrauen, Ermutigung und Gotteslob. Gerade in der Verbindung von dramatischer Kraft, intimen Momenten und großer Chormusik entfaltete sich noch einmal die ganze Bandbreite des Konzertchores Leipzig.
So entstand über den gesamten Abend hinweg ein musikalischer Bogen, von der Bitte um Hilfe über die Begegnung mit Tod und Schicksal bis hin zur Hoffnung.
Karl Joseph Eckel prägt den Abend
Im Zentrum des Konzertes stand der Künstlerische Leiter des Konzertchores Leipzig, Karl Joseph Eckel. Der junge Dirigent führte die großen musikalischen Kräfte des Abends mit bemerkenswerter Präsenz und Konzentration zusammen.
Dabei gelang ihm mehr als die präzise Koordination von Chor, Solisten und Orchester. Eckel formte aus vier sehr unterschiedlichen Kompositionen einen zusammenhängenden Konzertabend. Große dramatische Ausbrüche standen neben Momenten äußerster Zurücknahme; klangliche Kraft wechselte mit kammermusikalischer Sensibilität.
Der Konzertchor Leipzig präsentierte sich dabei als leistungsfähiger und ausdrucksstarker Klangkörper, der die anspruchsvolle chorsinfonische Literatur mit hörbarer Leidenschaft gestaltete.
Eine besondere Verbindung zu Bärenherz
Eine zusätzliche menschliche Dimension erhielt der Abend durch die Anwesenheit von Angehörigen von Bärenherz-Kindern und Mitarbeitenden des Kinderhospizes Bärenherz. Zwischen dem Konzertchor Leipzig und Bärenherz besteht seit Jahren eine besondere Verbindung.
Gerade vor diesem Hintergrund bekamen die zentralen Themen des Programms - Leid und Abschied, menschliche Verletzlichkeit, Trost und Hoffnung - eine besondere Nähe zur Gegenwart.
Musik wurde an diesem Abend damit auch zum Ausdruck von Gemeinschaft. Viele einzelne Stimmen verbanden sich zu einem großen Ganzen, ein Gedanke, der weit über das rein musikalische Erlebnis hinausreichte.
Tosender Beifall für ein besonderes Jubiläum
Nach dem letzten Ton entlud sich die Begeisterung des Publikums in langanhaltendem, tosendem Applaus. Rund 700 Besucher feierten den Konzertchor Leipzig, die beteiligten Musikerinnen und Musiker, die Solisten und Dirigent Karl Joseph Eckel.
Für den Konzertchor Leipzig markierte „SAGENHAFT“ damit weit mehr als die Feier seines zehnjährigen Bestehens. Das Jubiläumskonzert zeigte eindrucksvoll, welche künstlerische Entwicklung das Ensemble genommen hat und mit welchem Anspruch es inzwischen große chorsinfonische Werke auf die Bühne bringt.
Der Abend im Gewandhaus war deshalb Rückblick und Aufbruch zugleich.
Nach „SAGENHAFT“ ist vor Weihnachten
Lange müssen Musikfreunde nicht auf ein Wiedersehen mit dem Konzertchor Leipzig warten. Bereits im Dezember lädt das Ensemble zu seinen Adventskonzerten „All I Want for Christmas“ ein.
Am 12. Dezember 2026 ist der Konzertchor im Stadtkulturhaus Borna zu erleben. Am 18. Dezember 2026 folgt das Leipziger Adventskonzert im festlichen Ambiente des Festsaals des Alten Rathauses.
Nach der großen chorsinfonischen Klangwelt des Jubiläumskonzertes darf sich das Publikum damit auf die nächste Facette des Konzertchores Leipzig freuen - weihnachtliche Atmosphäre, stimmungsvolle Chormusik und ein musikalischer Ausklang eines für das Ensemble besonderen Jubiläumsjahres.
Nach zehn Jahren Konzertchor Leipzig ist „SAGENHAFT“ deshalb nicht nur ein Rückblick auf das Erreichte. Der Abend im Gewandhaus machte vor allem Lust auf das, was noch kommt.
Und die nächste Gelegenheit dazu ist bereits im Advent.
