Lebererkrankungen sind längst keine Randerscheinung mehr, sondern eine wachsende Herausforderung für die Gesellschaft – und sie sind hochgradig politisch. Das wurde beim „Leipziger Tag der Lebergesundheit“ im Ratsplenarsaal des Neuen Rathauses am 22. Mai deutlich. Auf Einladung führender Leipziger Mediziner diskutierten Fachpublikum sowie Vertreter aus der Politik über neue Therapieansätze, die oft übersehene soziale Dimension von Erkrankungen und konkrete regionale Lösungswege.
Die Leber schweigt – und leidet oft im Stillen
Die Krux mit der Lebergesundheit: Das Organ leidet lange Zeit ohne Schmerzen. Ob Fettlebererkrankungen (MASLD), Alkohol, Hepatitis B und C oder die fortschreitende Leberzirrhose – Diagnosen werden oft viel zu spät gestellt.
Prof. Dr. Ingolf Schiefke (Klinikum St. Georg Leipzig) warnt vor den dramatischen Spätfolgen unentdeckter Verläufe: „Eine chronische Lebererkrankung bleibt jahrelang unbemerkt, führt im Endstadium aber oft zur Leberzirrhose oder zu Leberzellkrebs. Wir müssen die Früherkennung viel tiefer im Bewusstsein der Menschen und auch in der hausärztlichen Praxis verankern. Wenn wir rechtzeitig intervenieren, können wir schwerste Schäden verhindern.“
Leipziger Initiative „LeoH“: Ein Modellprojekt mit Vorreiterrolle für Deutschland
Wie eine solche weitreichende Früherkennung in der Praxis aussehen kann, stellten die Experten mit dem regionalen Public-Health-Projekt „Leipzig – Leben ohne Hepatitis“ (LeoH) vor. Das ambitionierte Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Hepatitis B und C bis 2030 weltweit weitgehend zu eliminieren, droht Deutschland laut aktuellen Prognosen zu verfehlen. Screening-Angebote wie der „Check-Up 35“ werden zu selten genutzt, zudem verschärfen migrationsbedingte Faktoren und unzureichender Zugang zu vulnerablen Gruppen die Lage.
„Wir haben heute bei Erkrankungen wie Hepatitis C fast hundertprozentige Heilungschancen durch moderne Medikamente. Unser Nadelöhr ist nicht die medizinische Machbarkeit, sondern dass wir Betroffene zu spät oder gar nicht erreichen. Mit dem LeoH-Projekt schließen wir im Raum Leipzig systematisch die Versorgungslücken. Wir wollen zeigen, wie regionale Netzwerke die Elimination von Hepatitis effektiv beschleunigen können – als Vorbild für ganz Deutschland.“ erklärt Prof. Dr. Florian van Bömmel (Universitätsklinikum Leipzig), einer der Mitinitiatoren von LeoH.
Hier setzt das Leipziger Konsortium aus dem Universitätsklinikum Leipzig, dem kommunalen Klinikum St. Georg und der eugastro GmbH an. Das Projekt „LeoH“ optimiert die Strukturen vor Ort durch den Aufbau einer schnellen „Diagnostik-Therapie-Achse“ und gezielte Aufklärung.
Prof. Dr. Michael Geißler, Geschäftsführer des Klinikums St. Georg und langjährig in der hepatologischen Forschung aktiv, betont die strategische Bedeutung der Initiative für den gesamten Gesundheitsstandort: „Wir sehen täglich die schwerwiegenden Folgen zu spät erkannter Lebererkrankungen. Das Projekt LeoH ist daher ein Meilenstein, weil es genau dort ansetzt, wo die Defizite liegen: an den Schnittstellen der Versorgung. Es stimmt, die Behandlungsoptionen vieler Ursachen chronischer Lebererkrankungen haben sich in den letzten zehn Jahren deutlich verbessert, ein Problem für das Gesundheitssystem stellen aber die extrem hohen Behandlungskosten dar, die in vielen Fällen durch Prävention wie Impfung und Maßnahmen zur Suchtprävention vermieden werden könnten. Durch die enge, trägerübergreifende Zusammenarbeit in Leipzig, auch in Risikobereichen wie der Drogenhilfe oder der Forensik, schaffen wir ein starkes, regionales Netzwerk, das Früherkennung und Prävention messbar und effektiv zu den Menschen bringt – ein klares Signal für eine moderne, zukunftsorientierte Gesundheitsversorgung in unserer Stadt.“
Zusammen mit Dr. Heinrich Rodemerk (UKL) machten die Mediziner deutlich, dass der Schlüssel für die Zukunft in einem verbesserten, barrierefreien Zugang zu Screening-Angeboten liegt.
Politik und soziale Gerechtigkeit in der Versorgung
Einen scharfen Blick auf die gesellschaftliche Komponente warf der Gesundheitspolitiker Serdar Yüksel (SPD) in seinem Vortrag und schlug damit die Brücke zum neuen Modellprojekt: „Lebergesundheit ist auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Sozioökonomische Unterschiede dürfen nicht darüber entscheiden, wie früh eine Erkrankung erkannt oder wie effektiv sie behandelt wird“, so Yüksel. Zudem müsse das gesellschaftliche Stigma dringend gebrochen werden: „Viele Betroffene suchen aus Angst vor Vorurteilen zu spät Hilfe. Initiativen wie das LeoH-Projekt, die gezielt auch vulnerable Gruppen ansprechen und Hürden abbauen, sind genau der richtige Weg, um diese Volkskrankheit an der Wurzel packen. Ich wünsche mir, dass das Leipziger Modell bundesweit Schule macht und viele Städte diesem zukunftsweisenden Beispiel folgen werden.“
