Das Dokumentarische ist namensgebend für DOK Leipzig, über die Jahre hat sich die Animation aber zu einem gleichberechtigten Bestandteil des Filmfestivals entwickelt. Die Wettbewerbe versammeln jedes Jahr herausragende Neuproduktionen und die Formate „Animation Perspectives“ und „Animation Night“ zählen mittlerweile zu den Publikumslieblingen. Auch das diesjährige Branchenprogramm steckt voller Animation und stärkt damit nicht nur die programmatische Ausrichtung des Festivals, sondern etabliert DOK Industry auch als Treffpunkt des internationalen Animationsfilmschaffens. Bei alledem lotet DOK Leipzig immer auch die Grenzen der Animation aus: von animierten Dokumentarfilmen über Experimentalfilme bis hin zur Extended-Reality Ausstellung DOK Neuland.
Animation Perspectives #8
Zustandsbeschreibungen in Game-Ästhetik: Bei Animation Perspectives begegnen sich diesmal der Leipziger Animationsfilmemacher Franz Impler und der belgische Medienkünstler Anton Cla und gewähren dem Publikum einen Einblick in den Entstehungsprozess ihrer Arbeiten. Das dialogische Format findet 2026 bereits zum achten Mal statt. Es verbindet ein Filmprogramm mit ausgewählten Werken der Filmemacher und ein Gespräch der beiden mit Kurator André Eckardt und den Kinobesucher*innen.
„Franz Impler und Anton Cla erschaffen Räume, die nach ihren eigenen Spielregeln funktionieren. Beide liebäugeln mit der Beschränktheit früher Game-Animation – unberechenbare Raumkoordinaten und Glitches inbegriffen. Sie beschreiben Zustände und werfen die Betrachter*innen so auf sich selbst und die Frage nach ihrer eigenen Handlungsmacht zurück“, sagt Eckardt. „Während Anton Cla verschrobene Gestalten und düster-magische Welten animiert, erzählt Franz Impler in leuchtenden Farben Geschichten mit überraschendem Humor und unerwarteten Pointen“, führt er weiter aus.
Beide Filmemacher waren in der Vergangenheit schon in den Wettbewerben von DOK Leipzig vertreten: Anton Cla 2023 mit seinem Abschlussfilm „Cyclepaths“ (Internationaler Wettbewerb Animationsfilm) und Franz Impler 2020 mit „Out of Bounds“ (Wettbewerb um den Publikumspreis kurzer Dokumentar- und Animationsfilm). Neben diesen Filmen werden bei Animation Perspectives #8 weitere elf Kurzfilme gezeigt.
Animation Night: Outta Space
Die diesjährige Animation Night: Outta Space ist eine Weltraum-Imagination in bewegten Bildern. Gemeinsam von Ben Sassen und Franka Sachse kuratiert, lädt das Programm dazu ein, die irdische Realität hinter sich zu lassen und eine kosmische Reise in ein Universum experimenteller Filme und filmischer Live-Performances zu unternehmen. Die Animation Night findet traditionell in der Festivalwoche freitags um 20:00 Uhr in der Schaubühne Lindenfels statt.
„Im Laufe seiner Geschichte hat das Science-Fiction-Kino Animation und animierte Effekte als wichtigste Werkzeuge zur Darstellung des Weltraums, außerirdischer Welten und weit entfernter Galaxien genutzt. Das ist wenig verwunderlich, weil Animation in gewisser Weise aus einem leeren Raum heraus einen ganzen Kosmos entstehen lässt. Animation ist genau dann stark, wenn kein visuelles Material vorhanden ist“, sagt Franka Sachse. Ko-Kurator Ben Sassen betont außerdem die Nähe zwischen Animations- und Experimentalfilm: „Viele der gezeigten Arbeiten sind im Kontext der bildenden Kunst entstanden und wurden ursprünglich nicht für die Kinoleinwand produziert. Aber genau dort – wo sie nun teils zum ersten Mal in dieser Dimension zu sehen sind – entfalten sie einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.“
Das Programm zeichnet die Darstellung des Weltalls im Animations- und Experimentalfilm zwischen 1966 und 2026 nach und ist als Rundreise konzipiert: von der Erde zum Mond („Moon Flight“) bis zu entfernten Planeten („Green Planet“) und wieder zurück („Cosmonauts“). Gezeigt wird auch „World“ des amerikanischen Künstlers und Regisseurs Jordan Belson, dessen Werk u.a. aus über 30 abstrakten Filmen besteht, die als „kosmisches Kino“ bezeichnet werden.
Nach dem Filmprogramm zeigen der Klangkünstler Kay Kalytta und der Animationsfillmemacher Alberto Couceiro ihre neueste Arbeit „Proyecciones Cósmicas“. Die Live-Performance nutzt Stop Motion-Animation, 16mm-Projektoren, Filmloops, modulare Live-Synthese und ein kleines Orchester aus Tonkassetten und Radios. Die beiden Künstler nennen es ein „Filmkonzert“ und das Kurator*innen-Duo verspricht „eine Wunderkammer voller analoger Tontechnik; es rauscht, knistert und rattert.“
Hommage Animationsfilm
Einmal mehr spiegelt sich die duale Programmstruktur von DOK Leipzig in der Hommage Dokumentarfilm und der Hommage Animationsfilm, die auch in dieser Festivalausgabe wieder das langjährige Wirken von Filmschaffenden in beiden Bereichen würdigen. Letztere ehrt das norwegische Animationsfilmstudio Trollfilm, das auf Animation mittels Multiplan-Cut-out-Technik spezialisiert ist. In einer umgebauten Scheune unweit mehrerer Nationalparks entwirft Trollfilm seit mehr als dreißig Jahren in größtenteils handgemachten Animationen eine Welt, die vor Empathie leuchtet und von magischem Optimismus durchdrungen ist. Dabei nimmt sich das Studio auch große Themen vor: Häusliche Gewalt, intergenerationale Traumata, Krieg. Ergänzend zu zwei Filmprogrammen findet im Rahmen der Hommage eine öffentliche Meisterklasse mit Trollfilm-Gründerin Anita Killi statt, die von Kuratorin Marie Ketzscher moderiert wird. Weitere Informationen sind in der entsprechenden Pressemitteilung zu finden.
DOK Neuland
Unter dem Titel „Landslide“ entwirft die öffentliche Extended-Reality Ausstellung DOK Neuland anhand von acht eindrücklichen Werken den Zusammenbruch in all seinen Facetten, Brüchen und Verheißungen. Die von Dana Melaver kuratierten Arbeiten versammeln ein breites Spektrum an Themen und erzählerischen Ansätzen: von durch Menschenhand verursachten Umweltschäden über Lebensräume, die durch Klimawandel und Gewalt verloren gegangen sind, bis hin zu schwindenden Gewissheiten und Neuanfängen. Das Programm zeichnet sich durch eine formale Vielfalt aus und drei Arbeiten nutzen Animationstechniken: Die VR-Dokumentation „The World Came Flooding In“, die interaktive Arbeit „Nothing to see here“ und die Mixed-Media-Installation „The Room of a Thousand Voices“.
Animation bei DOK Industry
Auch das Branchenprogramm steckt voller Animation. Für Akkreditierte finden am 29.10. gebündelt vier Veranstaltungen im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig statt. Der Roundtable „Adult Animation in Europe“, der in Kooperation mit den Animation Production Days Stuttgart organisiert wird, bringt Kreative, Produzent*innen und Branchenexpert*innen zu Status Quo und Zukunft von Animation für Erwachsene zusammen. Am Nachmittag thematisiert die Podiumsdiskussion „From the Niche into the Spotlight – Pathways to Greater Visibility for European Animation“ der AG Animationsfilm die Sichtbarkeit europäischer Animationsfilme. Im Anschluss daran findet der deutschsprachige DOK Industry Talk „KEY FRAMES 2026: Animation erzählt Gegenwart“ statt. Mit dem Förderprogramm KEY FRAMES haben MDR und MDM sieben kurze Animationsfilme aus Mitteldeutschland ermöglicht, die aktuelle gesellschaftliche Themen aufgreifen. Die Veranstaltung gibt Einblick in die Entstehung des Programms und die Zusammenarbeit von Sender, Förderung und Produzierenden. Im Anschluss daran ist beim Netzwerkformat „Industry Connections: Animation Meets Doc“ der Name Programm: Animator*innen treffen auf Dokumentarfilmemacher*innen, die sich für das kreative Potenzial von Animationstechniken interessieren.
Bereits zum viertel Mal findet außerdem in Zusammenarbeit mit CEE Animation das Animation Lab DOK Leipzig statt. Der dreitägige Workshop für Produzent*innen, die an ihrem ersten animierten Dokumentarfilm arbeiten, wird von dem erfahrenen Produzenten Jean-François Le Corre (Vivement Lundi!) und dem multidisziplinären Künstler Uri Kranot (Tindrum) geleitet. Auch für den DOK Co-Pro Market wurden mehrere animierte Dokumentarfilme sowie ein langer Animationsfilm ausgewählt. Das Branchenprogramm für interaktives und immersives Storytelling, DOK Exchange XR, gibt schließlich einen Ausblick darauf, wie Animation sich von traditionellen Techniken hin zu interaktiven, räumlichen, datenbasierten und generativen Formen entwickelt. Es reicht von handgemachten Animationen im interaktiven Konsolenspiel „Bub“ (Protoyping Zone), über 3D-Animationen in „Becoming Lucien“ (Prototyping Zone) bis hin zu KI-unterstützen Animationen in „Anatomy of a Massacre“ und „Dreams Under Siege“ (XR Showcase).
Alle Filme der Formate Animation Perspectives und Animation Night im Überblick:
Filmlisten 2026
