Veranstaltungen
Varvara & Mar, Data Shop (Data Honey), 2017

BIG D@T@! BIG MON€Y!

26.09.  - 05.12.2020 Ausstellung
HALLE 14Tickets: 4,00 EUR

Ab 26. September 2020 ist die neue Ausstellung der HALLE 14, BIG D@T@! BIG MON€Y!, geöffnet. Sieben Künstlerinnen, Künstler und Kunstkollektive präsentieren sich mit Arbeiten, die sich mit der Ökonomie der Daten- und Finanzindustrie auseinandersetzen.

Fatal Error #1

Am 3. April 2018 schoss die vegane Tierrechtsaktivistin und erfolgreiche Influencerin Nasim Najafi Aghdam im kalifornischen YouTube-Hauptquartier wild um sich und verletzte drei Personen, bevor sie sich selbst tötete. Sie gab vor, die Onlinevideoplattform zu hassen, weil »engstirnige neue Angestellte« ihren Kanal so filtern würden, dass ihre Popularität, Klickzahlen und Einnahmen dadurch eingebrochen seien.

Fatal Error #2

Als der junge Gründer der Kryptogeld-Börse QuadrigaCX, Gerald Cotten, im Dezember 2018 überraschend in Indien verstarb, verloren über 100.000 Nutzerinnen und Nutzer ein Vermögen von insgesamt 145 Millionen US-Dollar. Niemand außer Cotten kannte den Zugang zu seinem verschlüsselten Laptop, auf dem die eingelegten Kryptoguthaben in einer Cold Wallet gesichert sein sollten.

In beiden Fällen kollidieren digitales und analoges Leben fatal. Im ersten führte die digitale Entwertung zum selbstmörderischen Amoklauf. Im zweiten verursachte der plötzliche Tod die Implosion eines digitalen Anlageversprechens. Tragisch zeigte sich jeweils, was zunehmend zu unserem Alltag wird, die Verschmelzung von Persönlichkeitsprofilen und Geldwerten im Digitalen.

Datenindustrien

Die smarten und kostenfreien Onlinedienste aus dem Silicon Valley sind darauf programmiert, Daten zu sammeln. Aus deren Akkumulation erwächst uns ein Datenschatten, der Auskunft über unsere gelebten Interessen und geheimen Vorlieben gibt. Unser »digitaler Zwilling« prognostiziert unser zukünftiges Handeln. Big-Data-Farmen berechnen unsere Wünsche, bevor sie uns selbst bewusst werden. »Wir sind das Nutzvieh, wir werden bewirtschaftet. Google und Facebook beackern uns und extrahieren Informationen aus uns, während wir uns mit ihren funkelnden Spielzeugen beschäftigen«, stellt der Digitalaktivist Aral Balkan klar. »Den Zugang dazu vermieten sie an ihre echten Kunden« (Balkan, 2019). Der Marktwert von Influencer*innen bemisst sich anhand Tausender von Klicks, Likes und Kommentaren. Der harte neo-liberale Alltag öffentlich gelebter Ideal-Individualität macht den Burnout auf YouTube und Instagram notorisch und die Online-Meditation zum neuen Massenphänomen. »Das ist alles, was ich jemals wollte. Und warum zum Teufel bin ich so unglücklich? Es macht keinen Sinn!«, fluchte die YouTuberin ElleOfTheMills kurze Zeit nachdem sie mit ihrem Coming-Out online die Millionenmarke der Abonnements geknackt hatte und nahm sich eine Pause, offline. Während Mills bis heute erfolgreich videobloggt, ist die Online-Aktivistin Aghdam tot. Beide zeigen helle und düstere Seiten des Rollen- und Geschäftsmodells Influencerin.

Smart gelenkte Demokratien

Ob ökonomisch gezielt oder ungesteuert, die intransparente Algorithmenmacht der Social-Media-Plattformen infiziert die Gesellschaftspsyche. Sie eignet sich auch als Instrument zur Manipulation der Demokratie, wie der Skandal um die diabolische Spin-Doctor-Rolle der Firma Cambridge Analytica im US-Wahlkampf 2017 zeigte.

Zur Steigerung von »Aufrichtigkeit« und »Integrität« verschmelzen Wirtschaftspolitik und staatliche Kontrolle in der boomenden Digitalökonomie der chinesischen Volksrepublik. Jasmin, Pflaumenblüte oder Sesam sind blumige Namen für Pilotprojekte öffentlicher Online-Scoring-Systeme. Sie sollen den aktuellen Stand der Vertrauenswürdigkeit von Unternehmen, NGOs und Einzelpersonen online nachvollziehbar machen. Bei guter Führung gibt es Vergünstigungen – wie beispielsweise pfandlosen Fahrradverleih oder Zahlungsaufschub für Arzneien, bei Negativwertungen wird es unmöglich, Flugtickets online zu buchen oder die Kinder auf eine Privatschule zu schicken. Liefe das Experiment nach kommunistischem Plan soll die Teilnahme an einem solchen Sozialkredit-System in naher Zukunft für alle in China verpflichtend sein.

Der Kerbholzcode

Einige dieser Systeme setzen auf die lückenlosen Codes der Blockchain-Technologie. Diese auf dezentralen Netzwerken basierende Computertechnik funktioniert wie antike Kerbstöcke. Vor der Erfindung des Geldes ritzten Gebende und Nehmende in zwei parallel liegende identische Hölzer Kerben entsprechend der Schuld. Keiner und keinem war es möglich, an der Zahl der Ritzen ohne ihr oder sein Gegenüber etwas zu ändern. Der Vergleich der Hölzer hätte die Fälschung verraten. Mit den auf Blockketten basierenden Peer-to-Peer- und Kryptowährungen wie BitCoin, Ether und Libra Coin kehren vorhistorische Aufschreibesysteme wie das Kerbholz als Computercode ins Wirtschaftsleben zurück. Mit ihren Aktien, Anleihen, Schuldscheinen, Wechseln und Optionen hat die gegenwärtige Finanzindustrie die elaborierten und geldlosen Notationsökonomien, die die Archäologie in antiken Tempelanlagen entdeckte, sogar überflügelt. Der im Münzgeld komprimierte Wert machte diese umständlichen vorhistorischen Datenarchive überflüssig. Aktuelle Rechenleistung und Speichervolumen machen wiederum das datensparsame Geld uninteressant. Das Bargeld ist bereits am Verschwinden. Wenn Algorithmen Produkte, Leistungen und Konsument*innen zusammenführen, könnte die Funktion von Geld und Produktpreis selbst obsolet werden.

Finanzindustrien

Im Zeitalter der Nullzinspolitik beobachten wir eine gigantische Entwertung des Geldes, die sich absurderweise in der märchenhaften Aufblähung von Reichtümern und Spekulationen zeigt. Mit Hilfe von Mathematik und Informationstechnologien wurde in den vergangenen Dekaden aus dem Börsenhandel eine Finanzindustrie, die die gesamte Weltwirtschaft dominiert. Die Entkopplung des US-Dollars vom Goldwert und der starren Fixierung des Währungssystems der Nachkriegszeit in den frühen 1970ern bedeutete eine immense Aufwertung der Devisenmärkte. Damit emanzipierte sich auch das mathematische Modell des Derivates als Finanzinstrument. Optionen, Futures, Forwards, Swaps sind Verträge auf zukünftige Geschäfte ohne eigenen Wert. Sie leiten ihren Wert von Devisen, Aktien, Rohstoffen usw. ab. Sie werden auf regulierten Börsen wie der Chicago Board Options Exchange und zahlreichen Dark Pools von Banken gehandelt. Mit 700 Billionen US-Dollar soll der Nominalwert aller ausstehenden Derivatekontrakte gegenwärtig das Weltbruttoinlandsprodukt um fast das Zehnfache übersteigen. Im »derivativen Paradigma« hat das Geld die Funktion des Zahlens, Tausches und Speicherns verloren und »den Aggregatzustand einer spekulativen Bewertung von Beziehungen aller Art angenommen« (Avanessian & Nestler, 2015).

Edward O. Thorp ist einer der Pioniere der mathematischen Risikoberechnung. 1961 knackte er mit Hilfe mathematischer Modelle und dem ersten tragbaren Computer, den er mit dem Informatikpionier Claude E. Shannon (1916-2001) entwickelte, das Glücksspiel Black Jack in Las Vegas’ Spielbanken (»Beat the Dealer«). Nach diesem Erfolg gründete er den ersten quantitativen Hedgefonds und wurde an der Börse reich (»Beat the Market«). Thorp nahm die Black-Scholes-Formel vorweg, die als Meilenstein zur Bewertung von Finanzoptionen die Börsen zum Tummelplatz für die »Quants« machte, die mit statistischen Methoden die Gewinnchancen und zukünftige Risiken berechenbar machen sollen. Elektronische Börsen wie die NASDAQ und die Überwachung von Finanzmarktdaten am Bloomberg-Terminal führen mit Entortung und Dezentralisierung der Finanzindustrie zur Entwertung des nun menschenleeren Börsenparketts. Automatisierter Handel, evolutionäre Algorithmen und Big Data vergrößerten den Umfang und beschleunigten das Tempo der Handelstransaktionen. Von »Flashboys« (Michael Lewis) betriebene Hochgeschwindigkeitscomputersyteme agieren praktisch aus der Zukunft, indem sie die minimalen Zeitverzögerungen im elektronischen Handel überlisten, um Handelsvorteile zu erlangen. Die Maschinen agieren so undurchsichtig und schnell, dass bei Flash Crashs wie am 6. Mai 2010 die Menschen nur entsetzt zusehen können, wie binnen Minuten die Kurse und Leitindices ohne erkennbaren Grund ins Bodenlose fallen.

Matching

In seinem Buch »Geld« (2017) hält der Kulturphilosoph Stefan Heidenreich die Zeit für eine vom Geld befreite Gesellschaft bereit:

»Die sporadischen Flash-Crashs zeigen, was passiert, wenn Algos mit Aktien und anderen Papieren spekulieren. Wenn sich aus unserem Profil, unseren Likes und unserer Konsumgeschichte errechnen lässt, was wer wann kaufen wird, schnurrt der Markt auf einem singulären Moment zusammen. Im Preis liegt dann keine zusätzliche Information mehr. Formell wird die Verteilung noch auf Preise abgebildet und in Geld verrechnet, aber in den zugrunde liegenden Datenströmen zeigt sich bereits die technologische Basis einer non-monetären Ökonomie.«

In naher Zukunft könnten Algorithmen über die gerechte Verteilung von Gütern entscheiden und die entfremdenden Effekte von Geld und Reichtum ausschalten. Vorformen dieser neuen Gesellschaft des algorithmischen Matchings von individuellen Bedürfnissen und Produkten bzw. Leistungen sieht Heidenreich in dem System von Skills, Reputations und Quests von Computerspielen, in Freundeskreisen in Sozialen Netzwerken und im Online-Dating. Smart New World?

Diese Ausstellung stellt sich nicht nur die Frage, ob sich diese Potentiale als eine geldlose, freie Gesellschaft oder als digitaler Kontrollstaat verwirklichen. Sie unternimmt eine theoretische und künstlerische Standortbestimmung zu einem Zeitpunkt, an dem neue Technologien unsere soziale Identität und unser Wirtschaftsdenken in Frage stellen. Sie präsentiert Positionen zeitgenössischer Kunst, die Aspekte und Potentiale der skizzierten Entwicklung von digitalen Gemeinschaften und Währungen beleuchten. Spielerische Kunstvermittlungsangebote vertiefen künstlerische, politische und ökonomische Aspekte.

Künstler: Francis Hunger, Falk Messerschmidt, Joana Moll, Gerald Nestler, RYBN.ORG, Suzanne Treister, Varvara & Mar
Stipendiaten/Grantee: Yonlay Cabrera, Magali Desbazeille

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Freitag: 11:00 - 18:00 Uhr

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